30.12.2009

Weihnachten bei Brigitte und ungebetene Mitreisende

Mi 23.12. (Mochima) Nach einer wirklich furchtbaren Nacht auf der Toilette sage ich alles ab und lege mich wieder ins Bett. Brigitte hat glücklicherweise noch ein anderes Zimmer für mich freigemacht. Bin total fertig und frustriert. Kein Trekking, bin total schlapp und häng den Tag über nur im Bett oder auf der Terrasse rum. Unterhalte mich ein bisschen mit Henriette und Jan, und versuche die Zwangspause irgendwie positiv zu sehen. Gelingt mir nicht. Hab nicht mal Internetzugang hier und kann nur noch SMSen.

Do 24.12. (Mochima) Weihnachten!!! Bin immer noch schlapp und nicht in Weihnachtsstimmung. Beschließe jedoch mit Henriette und Jan frühstücken zu gehen. Und bringe immerhin ein paar Brote und Kaffee runter. Die Frau im Imbiss lädt uns zum traditionell venezolanischen Weihnachtsessen am Abend ein. Hallaca, klingt sehr lecker und dann sind wir für heute Abend versorgt. Dann rufe ich meine Mutter an, die ich ja leider nicht über Internet erreichen kann. Klappt gut und meine Weihnachtsgrüße kommen mündlich und direkt vielleicht ja doch besser. Denke an Euch alle und um Euch ein bisschen neidisch zu machen: Sitze gerade auf Brigittes Terrasse bei ca. 30 Grad, schaue auf die Bucht und ihr werdet’s nicht glauben, aber gerade zieht eine große Gruppe (so 10) Delfine vorbei, als wenn’s ganz normal wär. Die Boote kommen jetzt von den Stränden zurück und die Sonne geht gerade unter, so dass alles leicht in orange gefärbt ist. Damit ihr nicht platzt vor Neid, ja, es gibt hier viele Moskitos, die sehr gerne mal stechen, insbesondere zur Dämmerung und ich werde (weil Weihnachten ist) von lauter Musik von allen Seiten beschallt. Hab heute Nachmittag sogar mal „Live is live“ hören müssen. Back to the Eighties, scheint hier wirklich in zu sein. Weihnachten ist hier mehr so eine Riesenparty mit der Familie. Von Besinnlichkeit hält der gemeine Venezolaner weniger. Man feiert, wenn man kann und vergisst hier an der Küste ganz gerne mal die politisch nicht so entspannte Situation. Dauernd Stromausfall und viele teure Lebensmittel versüßen ja nicht gerade den Alltag. Die Deko ist etwas kitschig mit Schneemännern, Lichterketten in allen Farben überall angebracht, kleine und große Krippen mit Gegend drumrum (das Christkind wird übrigens erst an Buena Noche, also heute abend, reingelegt) und natürlich künstlichen Weihnachtbäume. Sogar die Indianer in Canaima haben das übernommen, obwohl Weihnachten ja überhaupt nicht in ihre Tradition gehört. Egal, feiern passt schon rein. Das ist ja auch das charmante an den Venezolanern, sie sind zum Teil echte Spaßvögel, das ist mir vor 11 Jahren, vermutlich mangels Sprachkenntnisse gar nicht so aufgefallen. Über Abraham von der Posada Nena hat sich Alex tagelang kaputt gelacht und ich fand Woston, den Llanos-Guide sehr lustig. Vermutlich weil wir uns gegenseitig geärgert haben. (Er hat mich Dona (für Frauen ab 40) Sandra (eine sehr kleine Deutsche aus einer vorherigen Gruppe) genannt und mir erzählt, das ein Busch in den Llanos Schweine-Eierbaum heißt, was ich bis heute nicht glaube. Womit ich ihn verarscht habe, erzähl ich dann mal an anderer Stelle) Ups, ich komme ins Plaudern. Zurück zum Heiligabend. Danke Martin, Jutta und Eva für den lieben Weihnachtsgruß aus Heidelberg, Mannheim, Weinheim!!! Nun zum Essen: Die Hallaca, das traditionelle Weihnachtsessen, ist eine Art Riesenmaultasche mit allem möglichen gefüllt, d.h. Fleisch, Paprika, Zwiebeln, Tomaten, Rosinen, dazu Pan de Jamon, also Weißbrot mit Schinken, Oliven und Rosinen gefüllt und dazu Kartoffelsalat. Sehr gut. Halt mich noch an meiner Cola fest, doch als wir später vor der Posada auf der Straße bei Partymucke, viel Flanieren auf der Straße und Gesaufe und Gequatsche beisammen sitzen, muss ich dann doch auf Rogers (Brigittes Mann, der mit dem Rennboot mit 2! Motoren) Wunsch, Bier trinken und den Abend bis halb zwölf (Wachhalt-Rekord!) ausklingen lassen.

Fr. 25.12. (Mochima) Lasse es ruhig angehen, mit Frühstück mit 2 Schweizern in meinem Lieblingsimbiss am Ortsanfang. Abschied von Henriette und Jan, die ziehen nach Cumanà weiter. So vertrödel ich den Tag, kaufe mir neue Badeschlappen in türkis (welche Farbe sonst) und lese und plane, wie’s weitergehen soll.Ich würd halt schon gerne noh auf einen Tafelberg steigen. Deshalb verordne ich mir jetzt Ruhe, um dann gestärkt rauf zu wandern.

Sa 26.12. (Mochima) So ne Scheiße. Habe viele neue Reisebegleiter, die ich weder will noch mag. Es sind Parasiten, soweit ich verstanden habe, Amöben. Aber zurück zum Anfang. Als ich an diesem Morgen einen herben Rückfall erleide, beschließe ich zum Arzt nach Cumanà, der nächstgrößeren Stadt zu gehen. Die Notfallklinik hat offen und nach einer Laboruntersuchung und anschließendem Arztbesuch ist klar. Ich hab durch verschmutztes Wasser (keine Ahnung wie?) Parasiten im Darm. Die Ärtzin verschreibt mir 3 Medikamente mit Riesenkapseln. Eins davon ist Antibiotika. Das Gesundheitssystem in Venezuela ist jedenfalls billig. Habe, sage und schreibe, weniger als 3€ für Labor und Behandlung bezahlt und für die Medikamente ca. 7€. In der Notfallaufnahme ging’s spannend zu. Volle Bude, Chaos, nicht genug Sitzplätze, heiß trotz Klimaanlage und jeder drängelt und will endlich drankommen. Ich hab mich etwas abseits beim Labor platziert und hab deshalb nicht alles mitgekriegt. Was ich so gesehen hab, reicht mir vollends. Abgesehen von vielen Kleinkindern, die vermutlich zur Standarduntersuchung da waren, gab’s ein gebrochenes Handgelenk – der alte Mann hat gebetet und vor Schmerzen über die Hand gestöhnt – eine Wade mit eingebautem Drahtgestell, ein gebrochener Ringfinger eines 16jährigen, der mit mir zusammen im Ärztezimmer war (Abfertigung im Duett) und eine zusammengebrochene alte Frau, die auf einer Liege durch geschoben wurde. Privatsphäre ist hier nicht. Eine nette junge Frau, deren Mann auch schon seit 3 Tage Durchfall hat, schleppt mich mit, von Labor zum Empfang und zum Arzt, und so klappt alles reibungslos. Danach mit dem Taxi in die nächstbeste Posada und ich bekomme trotz Weihnachten mühelos ein Zimmer in der Posada San Francisco. Glück gehabt! Leider hab ich keine Bolivares mehr und muss warten bis die Besitzer kommen und mir zu einem äußerst schlechten Kurs (4 statt 5) doch noch 100 Dollar wechseln. Jetzt noch eine offene Apotheke finden, was ich letztendlich mit Hilfe des Posadamädels auch noch schaffe. So bin ich doch noch in Cumanà, in der Südamerika-Ankunftsstadt von Alexander Humboldt, gelandet. Ein sehr kurzer Stadtrundgang führt mich an kolonialen Kirchen und Häusern vorbei, sogar eine Festung gibt’s hier. Die spar ich mir allerdings, muss meine Kräfte ja einteilen. Denk an meine Sifi/BB-Freunde, die jetzt vermutlich auf der Weihnachtssession abhängen und natürlich an meine Familie unterm Weihnachtsbaum.

die rote Kuh feiert Weihnachten bei Brigitte

die rote Kuh feiert Weihnachten bei Brigitte

Blick von Brigittes Terasse

Blick von Brigittes Terasse

Boote und Delfine ziehen vorbei

Boote und Delfine ziehen vorbei

Posada San Francisco in Cumana

Posada San Francisco in Cumana

berühmter Schriftsteller aus Cumana

berühmter Schriftsteller aus Cumana

Altstadt von Cumana

Altstadt von Cumana

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