29.09.2010

Der Weg ist das Ziel

So 12.09. (Mandalay) Weils morgens wie aus Kübeln schüttet, verzichte ich auf ein weiteres Tempel/Marktprogramm und vertreibe mir die Zeit im Internet und beim Packen. Der Zug nach Naba/Katha geht um 12Uhr mittags und die angekündigte Ankunftszeit ist 21 Uhr. Ich habe 1. Klasse gebucht, das heißt nix anderes als eine dünne Matte auf den Holzbänken, die ansonsten komplett hart wären. Bin mit 3 anderen Frauen in einer Viererbank und umgeben von unglaublichen Mengen Gepäck, Lebensmitteln und Haushaltswaren. Als die Fahrt beginnt bin ich noch frohen Mutes, doch bald wird das Auf-und Abhüpfen des Zuges im Wechsel mit einem unglaublichen Hinherschwanken richtig anstrengend. Freunde mich mit den 3 Frauen in meiner Sitzreihe an, die leider kein Englisch sprechen, so werde ich halt mal wieder durchgefüttert und etwas bemitleidet, als ich auf Nachfrage in Zeichensprache mitteile, dass ich keine Kinder habe. Die Schwangere gegenüber leidet besonders unter den Auf-und Abhüpfern des Zuges und verzieht schmerzvoll das Gesicht, wenn’s mal wieder besonders hoppelt. Die Mädels sind hier echt hart im nehmen. Ich fürchte zwischendurch, dass der Zug entgleisen könnte, wie es schon vor 5 Tagen passiert ist. Es regnet wieder. Wir schließen die Fensterläden und der Wagon liegt im Dunkeln. Auch schön und stickig. Aus den angekündigten 9 Stunden Fahrt werden leider 15 Stunden und das natürlich bis tief in die Nacht um 3Uhr. Die Leute verteilen sich auf Matten in den Gängen, liegen zusammengekauert auf den Bänken und ich weiß nicht, wohin mit meinen Beinen und komm mir viel zu groß vor. Da ich die halbe Nacht damit rechne endlich anzukommen, schlaf ich kaum und erst als ich einen Fahrkartenkontrolleur mit dürftigen Englischkenntnisse finde, der irgendetwas von 2Uhr murmelt, schlummer ich für 1 Stündchen in der ungemütlichsten Stellung überhaupt. Nachts am Zielort Naba wartet gottseidank ein Bus, der nochmal eine Stunde lang nach Katha holpert. Um halb fünf fall ich endlich nach einer Mandidusche (Eimer Wasser ausem Wassertank) völlig fertig ins Bett und gönne mir 3 Stunden tiefen Schlaf im Guesthouse „Golden Dream“. Die Namen der Guesthäuser in Myanmar sind allein schon eine superamüsante Sammlung von Kuriositäten: Ocean Pearl, Motherland, Royal Guesthouse, New Heaven und Friendship, Aquarius Inn. Mineralwasser heißt hier Happy und Lucky, die Zigaretten Red Ruby und Blue Diamond. Viele Unternehmen tragen mit ihren Namen extra dick auf. Das Restaurant Best Unique Quality Food am Inle Lake fanden wir so übertrieben, dass wir es boykottiert haben.

Mo 13.09. (Katha) In Katha hat Georg Orwell (alias Eric Blair) gelebt, dessen Buch „Burmese Days“ ich gerade erst gelesen habe. Ja, genau der Autor von 1984 und Animal Farm hat als englischer Polizist in Burma gelebt. Trotzdem find ich nix an diesem Dörfchen, dafür bin ich mal wieder die Attraktion. Ein kleines Mädchen zeigt beim Frühstück mit dem Finger auf mich und kriegt sich nicht mehr ein vor lauter Aufregung. „Komische große, weiße Frau“ ruft sie vermutlich ihrer Freundin zu und ihre Großmütter finden mich auch ganz lustig. Lächeln, lachen und ich mampfe meine fettigen Chapatis mit Dahl/Linsensuppe. Und trinke den süßesten Kaffee der Welt, der eigentlich nur aus Kondensmilch und 3 Körnchen Kaffeepulver besteht. Dann aufs Bötchen. Doch so klein. Bin völlig eingequetscht zwischen Locals. Komm mir sooo groß vor. Die Beine zu lang, die Knie stoßen an. Irgendwann komm ich ins nonverbale Gespräch mit eine Myanmar-Chinesin, die 2 Wörter Englisch spricht. Sie zeigt immer wieder begeistert auf landschaftliche Höhepunkte, wie Wasserfälle, Kalksteinfelsen am Flußrand und dann der ganze Stolz, eine Brücke wird gebaut. Wir gleiten durch idyllische Landschaften, mit Ochsenkarren, Wasserbüffeln am Wegesrand. Fischer, Frachtkähne und schließlich die „Road to Mandalay“ ein Luxusdampfer, dessen wenige Touristen uns begeistert zuwinken. Die Einheimischen und ich winken zurück. Wer hat den Leuten eigentlich gesagt, dass man immer winken muss, weil die „Inglakeim“ also die Engländer das so mögen? Vor allem die Schulkinder stehen echt drauf. Gern begleitet von „Hello, where are you going“ als Standardansprache und einzigem englischem Wortschatz. „Which country“ oder „Where from“ ist dann schon fast ein richtiges Gespräch. Luschtig! Nach 7 Stunden ohne Klo sind wir endlich in Bhamo angekommen. Bin ich froh! Das Friendship-Hotel ist eine Art Business-Hotel für Chinesen und so viel besser als mein 3 Stunden-Hotel „Golden Dream“ in Katha. Und das Frühstückbuffet erst. Ich leg mich erstmal hin und erkunde später die „Stadt“. Das Örtchen ist so verschlafen und doch so nahe an der chinesischen Grenze, dass sehr viel Handel oder auch Schmuggel getrieben wird. Hier haben die Leute sogar teilweise Handys (große mit Antennen!), vermutlich mit chinesischem Netz, weil ansonsten die Registrierung mit burmesischer Nummer über 1000 Dollar kosten würde. Der Marktalltag der verschiedenen Stämme läuft allerdings wie überall ab. Alles alltägliche vom Essen über Plastikbehälter, bis zu geflochtenen Körben, Holzkohleöfchen, Textilien aller Art, vor allem Longyis, die Röcke für Männer und Frauen, rote Bethelnüsse zum Kauen, gibt’s überall. Auch hier sind sie wohl die Touris kaum gewöhnt, ich werde mal wieder angestarrt, doch nicht ganz so schlimm wie in Katha. Zum Abendessen lande ich bei einem indischen Restaurant. Curry mit Chapatis und Reis. Der Chef-Inder spricht ein bisschen englisch und beherbergt einen ganzen Zoo hinten in seinem Restaurant. Die Babykatze jagt die Papageien und in jeder Ecke hängen Hunde, weitere Katzen und einige Aquarien mit Fischen rum. Hoffe, dass sie nicht das eine oder andere Tier hier verkochen. In China isst man ja mal gerne Hund oder Affe. Da es hier sonst nix zu tun gibt, geh ich bald ins Bett.

Di 14.09. (Bhamo) Mein ausführliches Frühstück mit einem Song in Endlosschleife (irgendwas burmesisches mit dem Wort „Rendezvous“ drin) ist ein echter Traum. Dann nochmal durchs Örtchen streifen. Versuche ein Bootsticket zu kaufen, doch der Beamte vom regierungseigenen Wassertransport erzählt mir irgendwas fast unverständliches darüber, dass morgen früh kein Boot ginge und ich doch trotzdem um 5.30Uhr am Bootsanleger danach Ausschau halten sollte. Komisch. Egal, ich muss ja irgendwie zurück nach Mandalay kommen, wird schon klappen. Dann langweil ich mich im Ort, lese ein bisschen, wandere an Kühen auf der Kreuzung und Nonnen im rosafarbenen Gewand und roten Regenschirmen vorbei durch den Ort. In einem Teahouse gibt’s 3in1 Kaffee und irgendwelches ultrasüsses Gebäck. Genau richtig für mich. Abends geh ich in die Beer Station und esse undefinierbares Gegrilltes. Hoffe, dass es nicht irgendwelche Innereien waren. Mini-Eier (von Tauben oder sogar Wachteln, ok, jetzt träum ich), Ladyfinger (Okra) und etwas schwierig zu kauendes. Hühnerherzen? Ach nö. Mit frisch gezapften Bier geht’s ganz gut runter. Und schon bin ich wieder im Schlummermodus.  

Mi 15.09. (Bhamo) Um 5.30Uhr steh ich an der Rezeption und das freundliche Freundschaftshotel hat einen Transport zum Jetty vorbereitet. Leider stelle ich am Hafen fest, dass kein Boot geht. Um 15Uhr soll das nächste nach Mandalay ablegen. Also zurück ins Hotel. Auf der Straße ist schon viel los. Die Uhren ticken in Myanmar anders. Wenns dunkel wird um halb sieben wird geschlafen und wenns hell ist, gearbeitet oder so. Doch ich leg mich trotz Helligkeit wieder hin. Um 8 werd ich von einem Hotelangestellte geweckt und er teilt mir mit, dass ein anderes Boot um 9Uhr geht. Das 15Uhr Boot ist kaputt und das Ersatzteil kommt nicht rechtzeitig an. Auf ein neues. Im Bus zur anderen Anlegestelle sind außer mir 3 Chinesen (ohne Kontrabass) und 1 Australier. Wir werden vor Ort auf ein Frachtschiff verladen und um ca. halb elf legt das voll mit Frachtgut beladenen 2 stöckige Schiff ab. Riesenpakete mit Decken, Undefinierbarem, 2 Autos, 1 Motorrad sind an Bord. Außer uns nur noch die Mannschaft mit Familie, 2 Köchinnen und eine muslimische Familie. Ich buche eine Kabine mit dem Australier zusammen. Alles ultraschmutzig, das übelste ist die Gemeinschaftstoilette und der Australier und ich wechseln uns beim Ekeln ab. Ich kündige jedes Mal an, bevor ich zu meinem Favourite place gehe. Bin ich froh, dass noch ein weiterer Touri an Bord ist. Wir sitzen erstmal vor der Kabine auf meiner Matte und lassen die Landschaft vorbeistreichen. Dann werden Stühle und Bänke als Frachtgut an Bord geholt und wir setzen uns gleich drauf und fühlen uns wie die Könige oder Touris auf der „Road to Mandalay“. David erzählt mir seine Lebensgeschichte und wir klettern irgendwann aufs Dach zum Käptn auf die Brücke. Dort oben haben sich schon die Chinesen niedergelassen. Sie sind Geschäftsleute aus der Textilbranche und lästern gerne mal über die Burmesen. Egal, wir versuchen auch mit den inzwischen zugestiegenen Burmesen Kontakt aufzunehmen. Mit gebrochenem Englisch und dutzidutzi mit den Kids klappts dann doch irgendwie. Wir kommen in der Dunkelheit also ungefähr um sieben in Katha an und erfahren, dass wir hier übernachten und nicht in der Nacht fahren werden. Das kann also noch etwas länger dauern. Wir essen bei der supernetten Köchin, die auf dem Feuer im Heck des Schiffes ein Fried Rice mit Gemüse zubereitet. Und begeben uns dann in das schmutzigste Bett aller Zeiten. David gibt sich eine kleine Flasche Whisky und ich eine Cola. Was ne Dröhnung. Wasser zum Waschen gibt’s völlig überraschend übrigens keines.

Do 16.09. (Katha) Morgens um 5 werden wir durch laute Diskussionen geweckt. Ein großer Teil der Ladung wird von Hand oder besser gesagt auf Schulter abgeladen. Alles über ein paar Holzplanken (wie ist so das Auto an Bord gekommen?) und ein paar neue Passagiere steigen ebenfalls zu. Das kann ja noch dauern. Laut dem „Boss“, einem dicken Mann, der seinen Longyi hoch über den Bauch gezogen hat und gerne mal einen kleinen coolen kleinen Hut trägt, fahren wir um sieben los. Wir frühstücken die gleichen fettigen Chapatis, die ich schon vor 2 Tagen hatte und versuchen dann den britischen Club aus dem Orwell-Buch zu finden. Vergeblich. Doch die erwähnte Minikirche finden wir. Die Stimmung, an diesem fast vom Urwald zugewachsenen Ort hat sich, wie in Orwells Buch beschrieben, kaum geändert, nur die Briten fehlen. Um 8 hupt die Bootssirene und wir kehren zurück an Bord zu einer weiteren langen geruhsamen Fahrt. Jetzt erfahren wir, dass wir noch eine Nacht auf dem Schiff verbringen werden. Meine Laune sinkt etwas. Damit hab ich nicht gerechnet. 1,5 Tage waren angesagt. Doch die Übernachtung in Katha war wohl nicht geplant. Wir machen das beste draus, trinken Kaffee und Tee. Versuchen mit irgendwelchen Leuten zu sprechen oder zu gestikulieren und finden mal wieder interessierte Einheimische, die sich bei uns neben der Matte niederlassen. Die Fracht-Stühle sind leider inzwischen von Locals in Beschlag genommen. Der Tag gleitet dahin und die Stunden vergehen mit Lesen, Fotografieren, Schwätzen und in der Dunkelheit erreichen wir Kyaukmaung. Heute abend gehen noch Passagiere von Bord und wir legen glücklicherweise wieder ab, um nachts in Richtung Mandalay zu fahren. Etwas unheimlich, weil die meisten Boote keine Lichter haben und jedenfalls von uns nicht gesehen werden. Nach Davids Gutenachtgeschichte (mein vorheriges Leben als Gefängniswärter, besser als Insasse) schlafen wir ein.

Fr 17.09. (Ayeyarwady-River) Als wir um 6 aufwachen, haben wir schon angelegt und schon wird wieder Ladung gelöscht. David checkt die Lage und stellt fest, dass wir „schon“ in Mandalay“ angekommen sind. 6 Stunden früher als angekündigt. Puh, bin ich erleichtert. Die Kaffeeküche ist schon zu, wir verabschieden uns von der Köchin und fahren mit dem nächsten Trishaw (Rikscha) zum Guesthouse in Mandalay. Bin ich froh, als ich unter der wohlverdienten Dusche stehe und entscheide mich spontan mit dem Nachtbus um 18Uhr nach Yangon weiterzufahren, um noch 2 Tage am Strand zu verbringen. Bin fit, hab ja im Gegensatz zu David geschlafen und lasse mich mit dem Moped von Asuhi (mein altbewährter Mopedkumpel) zum Teak Wood Monastery, dem Jade-Markt und dem Goldblättchen-Markt fahren. Im Kloster ist keiner da, vermutlich schlafen alle während der Mittagshitze. Faszinierend wie Jade geschliffen wird und die Goldstückchen mit Hämmern mit der bloßen Manneskraft zu extrem dünnen Blättchen geschlagen werden. Das wäre wohl mit keiner Maschine der Welt machbar, sagen die Marktleute. Jetzt hab ich wirklich alles in Mandalay gesehen und kann beruhigt abfahren. Der Nachtbus ist überraschend gut klimatisiert, so dass ich schon fast friere. Und zumindest ein bisschen schlafen kann. Einziger Wermutstropfen, mein Sitznachbar schläft so gut, dass er gerne mal mit seinem Kopf auf meine Schulter sinkt. Bissel zu vertraulich, der asiatische Schlafkünstler.

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