11.02.2010

Dynamite day

Sa 30.01. (Sucre) Nachtrag von gestern: nach einem lecker Essen im Florin schauen wir uns im Joy Ride noch einen Film an. Man könnte meinen, ich ginge in Bolivien jeden Tag ins Kino…. nur fast jeden Tag. Dieser Film (Miners Devil) jedenfalls handelt von zwei Brüdern, 14 und 12 Jahre alt, die in den Minen von Potosi arbeiten müssen, weil ihr Vater verstorben ist. Ergreifend und traurig und hart. Die meisten Minenarbeiter sterben spätestens mit 40 an Staublunge, wenn nicht früher durch irgendwelche Unfälle. Die Dokumentation hat der Familie allerdings wenig gebracht, wie wir später erfahren werden. Wir sind nämlich jetzt mit dem Bus auf dem Weg nach Potosi, der Minenstadt. Um ca. 11Uhr erreichen wir den supermodernen Busbahnhof von Potosi. Die Strecke ist landschaftlich interessant und wir erreichen den höchsten Punkt unserer Tour. Potosi liegt auf 4.070m, rotbraune Häuser von durchlöcherten Bergen und staubigen Hängen umgeben. Nicht gerade einladend, aber als wir dann auf der Suche nach einem Restaurant sind, alles noch geschlossen vor 12, erweisen sich die Leute als sehr nett. Wir amüsieren uns köstlich über die luschtigen Speisekarten-Übersetzung. Hier gibt’s Chicken involved, Dad’s discs (?), attacked (!) with butter. Zum Dank bekommt Susan ihr Crepe mit nur kurz entflammten Alkohol übergossen, so dass es ungenießbar wird. Sandro hat für uns einen Minentour gebucht. Er sagt, dass wir nun unsere 30 Bolivianos von der Busfahrt zuvor zurückbekommen würden, und daher für die Tour nur 90 anstatt 120 Bolvianos bezahlen müssen. Marlene, unsere Minenguide holt uns um 14Uhr ab und erzählt uns, dass heute Karneval der Mineros ist, so dass nur wenig Arbeiter in der Mine sind. Wir landen mit unserem Bus inmitten des Karnevalumzuges. In Trachten und von verschiedenen Kapellen unterstützt tanzen und trinken die Mineros auf den Straßen. Wir müssen unsere Ausrüstung mittendrin abholen und kleiden uns (irgendwie auch wie Karneval) in schwarze Hosen, Gummistiefel, orangefarbene Jacken und Helme. Wie Minenarbeiter halt. Dann zum Markt, um den Leuten zum Dank was mitzubringen. Wir kaufen jeweils ein Paket mit Cocablättern, Dynamit mit Zündschnur, Keksen und Zigaretten. Dann auf in die Mine. Wir besuchen zufälligerweise die Mine, in der Basilio, der Junge aus dem Film gearbeitet hat. Nachdem wir mit Helmlampen ausgestattet sind, stapfen wir in den Untergrund. Überall sind Löcher im Boden. Hier geht es zu den anderen „Stockwerken“ Insgesamt hat diese Mine, die sehr klein ist, nur 4 Ebenen. An einer Winde ist ein Eimer angebracht. Wahlweise können sich die Arbeiter damit abseilen oder an der Wand abgestützt runterkletten. Wir bleiben erstmal auf dieser Ebene und besuchen den „Minenteufel“. Das ist einen mannsgroße Figur, die aus Lehm geformt ist und wie ein Teufel aussieht. Dieser Teufel ist der Gott der Minenwelt und verantwortlich was in der Grube passiert. Wenn ein Minenarbeiter stirbt, hat der Diablo ihn aufgegessen und holt hoffentlich nicht so schnell den nächsten. Dem Teufel werden Cocablätter, Zigaretten und 96% Alkohol geopfert. Daneben sitzt die Pachamama, die Erdmutter. Sie ist die Geliebte der Teufels und hält ihn bei Laune. Allerdings darf keine Frau in die Mine arbeiten, da der Teufel sich verlieben könnte und dann das natürliche Gleichgewicht gestört wäre. Nachdem wir eine Leiter hochgeklettert sind, erreichen wir Eugenio, der heute hier allein arbeitet. Normalerweise hat er 2 Jungs zur Unterstützung. Er hat Löcher mit einem Hammer und einer Metallstange in das harte Gestein geschlagen. In diese Röhren wird das Dynamit gesteckt und dann zur Explosion gebracht. Das Gestein der vielversprechenden Ader, wird anschließend in Körben raus transportiert. Die Frauen zerkleinern vor der Mine die Brocken in kleine Steine. Wir ducken uns jetzt in einem Nebengang und Eugenio nimmt eine Dynamitstange mit Plastiksprengstoff, steckt es mit „Fertiziler“ (viele kleine Kügelchen) zusammen und bringt die Zündschnur (eine Art Kabel) an. Um uns ein bisschen Angst einzujagen, zündet er alles schon mal an, verschwindet im Tunnel. Als er wiederkommt, machen wir unsere Helmlampen aus und warten im Dunkeln auf die Explosion. Nix passiert. Die Spannung steigt. Doch dann ein dumpfes Buuuuumm und eine so starke Vibration, die man bis in den Brustkorb spürt. Wir sind beeindruckt, ein Mädel sogar panisch und die meisten können es kaum fassen. Licht an und raus hier, bevor der ganze Staub kommt, ist die Devise. Es wird nochmal spannend als wir über einen Stamm über ein ca. 5m tiefes Loch balancieren müssen und uns danach an einem Seil mit Knoten runter abseilen, um durch einen anderen Tunnel ins Freie zu gelangen. Puh, endlich wieder Luft.

Die Geschenke hat Eugenio und eine der Frauen vor der Mine für alle andern angenommen. Einige Dynamitstangen haben wir allerdings noch übrig. Marlene beschließt, dass wir diese für Sprengungen außerhalb der Mine, nur so zum Spaß, nutzen sollten. Bevor wir irgendwas sagen können, sitzen wir im Bus und Neil, Alex und Richard formen Sprengstoffkugeln aus Plastiksprengstoff, füllen diese in Tüten mit Fertilizer und Marlene bringt fachmännisch die Zündschnur an. Wer kann schnell rennen auf dieser Höhe? Neil, Lauren und Alex melden sich nichtsahnend freiwillig. Schon hat Marlene die Zündschnur angezündet und die 3 rennen mit Marlene in ein ca. 300m entfernt gelegenes Gelände-Stück. Und zurück. Wir warten… und warten.. und dann erst einmal ein dumpfes Buuuum, mit Echo und Vibration durch den ganzen Körper, dann noch 2mal schnell hintereinander. Erleichtertes Aufatmen. Für den Minenalltag ist das natürlich nix besonderes. Viele hundert Explosionen täglich um 12 und um 18Uhr. Nach ca. 4,5 Minentour geben wir unsere verstaubten, verdreckten Klamotten zurück. Cheryl schwebt auf Wolke Sieben, ein Tag nach ihrem Geschmack mit Dynamit und Klettern. Wermutstropfen des Tages, Sandro hat uns schon wieder betrogen. Wir erfahren durch andere Gaptour-Leute, die gerade eingetroffen sind, dass die Tour nur 90 Bvs kostet. Bin stinksauer und kann es nicht fassen, dass er uns schon wieder so blöd bescheissen will. Lecker Essen im 460 Pub und Bier im Hotel-Patio.

So 31.01. (Potosi) Heute ist ein Reisetag nach Uyuni. Den Morgen verbringen Cheryl und ich noch in der Stadt, nochmal Miners Karneval auf den Straßen. Basilio und seinen Bruder Bernardino (aus dem Film), die jetzt 18 und 16 sind, haben wir allerdings nicht gesehen. Laut Marlene, sind sie noch immer Minenarbeiter und haben nur ca. 300 Dollar für den Film bekommen. Basilio geht noch zur Schule, nachdem er letztes Jahr beim Militär einen Unfall hatte. Hoffentlich schafft er den Absprung in einen anderen Beruf. Wir laufen noch etwas durch die Stadt und fotografieren die Frauen, die für Karneval Wasserbomben aus gefüllten Luftballons vorbereiten, wobei sie die Stadtbrunnen trockenlegen und Rasierschaum in großen Sprayflaschen verkaufen. Einige Kinder haben uns gestern nachmittag und abend gut damit erwischt und wir überlegen noch was für einen Gegenangriff zu kaufen, lassen es dann, weil wir ja eh um halb zwölf abreisen. Alle sind zum vereinbarten Zeitpunkt bereit, nur Sandro ist nicht da. Als er endlich erscheint, kein Bus. Selbst er wird etwas nervös, lässt sich aber nicht beirren. Der kommt noch. Zehn vor, erscheint endlich unser Minenbus. In 10 min geht unser Uyuni-Bus. Sandro will jetzt doch noch Taxis holen. Die Gruppe ist aufgebracht, wir passen doch mit Gepäck nicht in den Bus. Letztendlich quetschen wir uns rein und erreichen gerade so unseren Bus nach Uyuni. Sandro ist wirklich sooooooooo schlecht. Er kann nicht mal einen Bus organisieren, der uns rechtzeitig zum Busbahnhof bringt. Nach ca. 8 Stunden Fahrt durch eine unglaubliche tolle Landschaft, Canyons, Hochebenen, Felsen und Wüsten erreichen wir Uyuni. Diese Stadt ist wirklich hässlich. Hotel ist ok, sehr basic mit shared bathroom, aber sauber. Sandro will uns in eine Kneipe zum Abendessen lotsen, ich mach den ultimativen Gegenvorschlag. Eine Pizzeria, die mir von Leuten bei der Death road-tour empfohlen wurde. Die Pizza ist gigantisch. Ich treffe ein Paar aus Österreich wieder, die ich schon in Kolumbien in Cartagena und Taganga getroffen habe. Schön, ist fast wie alte Bekannte wiedertreffen. Wir tauschen Erlebnisse aus, Jutta ist in Peru komplett ausgeraubt worden, aber die Papiere haben sie in Lima wieder beschaffen können. Leider ist die Kamera mit den Galapagos-Fotos weg. Ein schöner Abend mit Wein und unserer Kleingruppe (Crystal, Susan, Cheryl, Jasmin und die Ösis). Ich freu mich auf die Salzwüste und grolle nur noch innerlich mit Sandro.

Miners Carneval

Miners Carneval

Die Damen vom Karneval

Die Damen vom Karneval

nochmal chicas

nochmal chicas

95% Schnaps

95% Schnaps

Torten, happy birthday Oli

Torten, happy birthday Oli

P1310673

Wir, die Minenarbeiter

Wir, die Minenarbeiter

Tio, der Gott der Unterwelt

Tio, der Gott der Unterwelt

nach der Explosion

nach der Explosion

Minenausgang

Minenausgang

Sprengstoff, selbst gemacht

Sprengstoff, selbst gemacht

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